Tagebuch eines Dressurpferds

Tagebuch eines Dressurpferds

Allgemein

Tag 1

Liebes Tagebuch

Heute war ich mit meinem Frauchen in der Halle. Das war ganz schön. Allerdings hat sie eine ganz grässliche neue Decke, die sie erst auf mich, dann auf die Bande gelegt hat. Sie soll wohl cool sein, aber die verwaschenen Farben sind nicht Vintage, sondern Unfall. Unfall in der Waschmaschine, um genau zu sein. Wie wenn man meine schöne weiße Schabracke mit schwarzen Unterhosen zusammen wäscht. Auf der Bande fand ich die noch blöder, weswegen ich beschlossen habe, dass wir künftig nur noch einen Zirkel haben: Den Oberen.
Frauchen hat sehr geschimpft und sich Leute geholt, die mich daran hindern sollten, den unteren Zirkel zu ignorieren. Ha! Da habe ich mal kurz gelacht und denen gezeigt, wie man einen Panzer aufhält. Gar nicht. Obwohl doch, eine Panzerfaust würde gehen. Die kam dann auch. In Form einer Frau mit Peitsche. Böse! Anschließend hatte ich es sehr eilig.

Tag 3

Liebes Tagebuch

Heute war der böse Mann wieder da. Der böse Mann hat Nadeln, Nasenbremsen und andere Folterwerkzeuge. Frauchen hat behauptet, ich bräuchte die Impfung, damit ich auf Turniere gehen kann. Fand der Mann auch. Ich fand das nicht, aber mich fragt ja wieder keiner. Zum Dank habe ich dem bösen Mann in die Tasche geäppelt.

Tag 4

Liebes Tagebuch

Heute war Springstunde. Wieso eigentlich? Ich bin ja ein Dressurpferd und das weiß ich auch. Die hässliche Vintage-Decke blieb dafür wenigstens Zuhaus, denn die Schabracke am Springsattel passt einfach nicht zu dem Vintage-Gedöns. In der Halle waren bunte Stangen aufgeschichtet. Was man damit soll, ist mir rätselhaft. Ich habe lieber schnell die Panzersteuerung aktiviert, damit die schnell wieder auf dem Boden liegen. Fand aber niemand gut. Vor allem Frauchen nicht, die hat ziemlich geschimpft. Verstehe ihr Problem nicht.
Habe es auch bis zum Ende der Stunde nicht verstanden.

Tag 5

Liebes Tagebuch

Gestern war ich in der Springstunde, heute habe ich frei. Gucke also den Kameraden beim Malochen zu, während ich auf der Weide stehe. Mein Kollege, der mit mir hier steht, ist ein bisschen blöd. Der versucht immer durch den Weidezaun zu gehen. Dabei weiß doch jedes Pferd, dass da Strom drauf ist. Er vergisst das immer wieder und holt sich einen neuen Schlag ab.
Habe ihm gesagt, er solle mal seine paar Gehirnzellen zusammenkratzen und anderweitig überlegen, aber das hat er nicht geschnallt. Daher musste ich ihm demonstrieren, wie man den Zaun überwindet: Indem man springt. Ist doch wohl klar.
Anschließend war Frauchen sehr böse und nuschelte was von: „Jaja, im Parcours keinen Hüpfer machen, aber über die Zäune gehen.“ Habe keine Ahnung, was sie meint.

Tag 7

Liebes Tagebuch

Gestern war ich auf einem Turnier. Bisschen Kringelreiten. Das kann ich. Frauchen nicht so, die habe ich unterwegs verloren, als es an die Trabverstärkung ging. Habe die Aufgabe aber trotzdem durchgezogen, damit die Richter nicht denken, dass ich das Problem wäre.
Anschließend wollte Frauchen dann plötzlich ein Springen mit mir gehen, was mir sehr suspekt vorkam. Ich glaube, sie ist vorher auf den Kopf gefallen.
Im Parcours war es ganz nett. Die klingeln sehr häufig und da stehen ein paar Männlein auf dem Platz. Ich mag Männlein, manchmal haben die Essen. Als ich sie prüfweise umrempelte, um meine Möhren zu bekommen, gab es aber nur Ärger. Springreiten finde ich wirklich blöd und kindisch.

Tag 8

Liebes Tagebuch

Heute hatte ich fast einen Drehwurm. Frauchen fand, ich müsse longiert werden. Ich fand, das müsse nicht sein. Leider kollidierten unsere Meinungen und ich nutzte die Gunst der Stunde, um zu Flüchten. Wie? Na, über den Zaun. Bin ja nicht behämmert.
Da war Frauchen so richtig böse, weil ich immer nur dann springe, wenn ich es nicht soll. Selber Schuld. Sie hat gesagt, ich wäre ein Dressurpferd. Daran halte ich mich. Will ja nicht unangenehm auffallen.

Foto: Springtechnisch ist er, solange man draufsitzt, auch lieber ein Dressurpferd.




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