Ich vs. die anderen

Ich vs. die anderen

Allgemein

Kennt ihr auch dieses Gefühl? Man ist im Stall, es ist alles ruhig – außer dir sind nur zwei Leute da, die einträchtig mit ihrem Pferd schmusen, oder am Putzplatz stehen … bis man selbst daherkommt. An solchen Tagen beschließt das Pferd nämlich: Nä, heute bin ich zickig. Es muss einfach einen Kontrast zu den netten ruhigen Pferden bilden, damit einem selbst der Unterschied klarwird.
Mir ist das letztens erst passiert. Während also die andere Person ganz lieb und nett in Muckelpony Sprache von der anderen Box her ihr Tier bespricht, bin ich gerade im Kriegsmodus. Pferd zappelt am Putzplatz herum, während ich miste. Und das hasse ich. Hierhin, dorthin, Frauchen … guck doch mal. GUCK!
Ich gucke … und irgendwann brülle ich auch, als er versucht, einen Huf über die Mauer zu schieben. Ähm … was soll der Scheiß? Es dauert ungefähr eine Minute, dann hat er sich neuen Blödsinn ausgedacht.
Während die drüben weiter Muckelpony Sprache spricht. „Mäuschen …“

Ich spreche auch. „Bist du eigentlich behämmert?!“ Pferd ist gerade über seine eigenen Füße gefallen. Angebunden.
Von drüben strahlt die Ruhe rüber. Bei mir gibt es eine Diskussion, ob man das Halfter vor der Box ausziehen sollte. Ich finde ja und das mache ich auch jeden Tag so (der kann ja da tatsächlich nicht weg, wenn ich vor dem einzigen Ausgang stehe). Also muss er warten bis ich ihm das Halfter abnehme und darf dann reingehen. Doch drinnen ist ja frisches Heu. Wie jeden Tag übrigens. Heute möchte er das aber besonders dringend haben.
„Hallo?“, frage ich nach, als er anfängt auf der Stelle zu tippeln.
Pferd horcht auf, tippelt noch mehr, reißt den Kopf regelrecht aus dem Halfter, während ich schon böse werde und trabt dann auf ansteigendem Asphalt in die Box zum Stroh.
Drüben heißt es: „Muckelmäuschen!“ bei mir heißt es: „Sag mal geht’s noch? Vollidiot.“ Hat sich nämlich direkt das Becken an der Tür gehauen. Vor lauter Gier.

Die Nebendran denkt sich wahrscheinlich: „Was für ein Monster“ – und ist sich vermutlich nicht mal im Klaren darüber, ob sie mich meint, oder das Pferd, der sich an manchen Tagen wirklich von seiner arschigsten Seite zeigt, weil … weil’s halt Spaß macht.
So sind dann ja auch immer alle so verwirrt, wenn ich ihn reite. Kein Buckeln, kein Steigen, das Pferd kann nur lieb. Trotzdem kann reiten natürlich scheiße sein und er hat seine eigenen Methoden, sich zu widersetzen. Trotzdem sieht das von außen natürlich alles lieb aus. Er hat nur einfach keinen Sinn dafür, wenn etwas länger dauert, als er es in seinem imaginären Terminplan eingetragen hat. Schmied zum Beispiel. Oder Futtereimer holen. Oder zur Weide bringen. An manchen Tagen bekommt er einen Rappel und dann meint er, dass man viel zu lange dafür braucht. Und dann wird er nervig. Das brauch ich aber gar keinem erst erklären, es finden ihn trotzdem genug Leute mehr als nur verrückt. Muss er ja sein, ist ja ein Vollblut. Dabei würde er einem nie weglaufen, oder sich losreißen. Er signalisiert nur: „Mach hinne, sonst mach ich!“

Trotzdem, wenn man am Ende dann aus dem Stall geht, fühlt man sich ja schon irgendwie doof. Andere sind im Schmusemodus, man selbst hat sich heute eher nur gestritten. Aber wisst ihr … eigentlich ist das auch nicht so schlimm. Gibt ja auch so menschlichen Paare. Die sind immer zum kotzen harmonisch und haben sich immer nur lieb und da wird sich nie gezankt. Das fand ich ja schon immer langweilig. Manchmal streitet man sich halt – auch in einer menschlich – tierischen Partnerschaft. Und das ist auch völlig okay. Lasst die Leute gucken. Die haben irgendwann auch diesen Tag. Kluge Leute wissen das sowieso und denken sich gar nix dabei, wenn der Mitreiter mal wieder rumschimpft. Wir bilden uns oft nämlich auch nur ein, dass andere Leute das komisch finden. Dabei wissen die auch genau, wie Pferde sein können: Doof.

Foto: Good old Times in Neuss auf der Rennbahn.




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