Der Schimmel und das Wasser

Der Schimmel und das Wasser

Allgemein

Früher hatte ich einen Schimmel. Der war groß, fett und sehr gut ausgebildet. Ich habe mich also entsprechend sehr erhaben gefühlt. Schneeweiß, das größte Pferd im Stall, einer, zu dem alle aufschauen. Hach, was war das für ein Gefühl mit dem Schimmel über den Platz zu schweben. Das vermisse ich ja heute noch, dieses butterweiche Gefühl. Jedenfalls war es unmöglich den Schimmel nicht zu mögen. Der war lieb, dick, konnte alles und blieb dort stehen, wo man ihn abgestellt hatte, selbst wenn mal spontan ein Spielmannszug vorbeikam oder eine Atombombe einschlug. Oder blaue Planen raschelten.

Da ich den Schimmel vor allem im Gelände spazierenritt (weil älter), schlossen sich gerne Leute an. Weil der ja so lieb war, aber trotzdem auch mal Stoff gab. Aber er erschreckte sich nicht und war damit perfekt für alle anderen Pferde als Begleiter. Auch die ganz nervösen. Daher habe ich in dieser Geschichte einmal ein Jungpferd im Gepäck, dass das zweite Mal draußen ist. Und einen sehr nervigen Ponywallach, der Gelände für ein fieses Schimpfwort und gemeine Folter hält.

Ich gehe also mit meinen Schützlingen raus. Der große Schimmel weiß schon, wo es langgeht. Er mobbelt so durch die Landschaft, während das Jungpferd schnorchelnd versucht in ihn reinzukriechen. So was merkt der Schimmel ja nicht, weil der eine Speckschicht hat. Das Pony drängelt von der anderen Seite, mit angelegten Ohren. Beide Reiterinnen versuchen das Getue ihrer Pferde zu überlabern. Komme mir ein bisschen vor, als wäre ich mit Frau Prüüüma draußen, denn hier wird auch ständig so was gesagt wie: „Feiiiiiiiin“, „Isjaguuuuuuuut“ und „HERRGOTTWASSOLLDERMIST!“ Huch! Jetzt sind alle wach (außer der Schimmel). Plötzlich ist es gar nicht mehr so wie mit einem guten Yogakurs, denn das Ponytier steht auf zwei Beinen.

Der Schimmel bumst den einfach mit seinem Hintern zur Seite, weil er nicht über einen Stein am Wegesrand stolpern will und büffelt weiter. Pony überlegt sich, dass vier Beine auch ganz gut gehen und dackelt hinterher. Jungpferd stolpert über Stein. Hilfe! Rennt kurz los, dann fällt ihm ein, dass die Gruppe nicht mitrennt und fürchtet sich vor seinem eigenen Wagemut, dass er direkt stehenbleibt und sich ängstlich umguckt. Wo sind die denn?
Zum Glück ist der Schimmel ein fetter, weißer Klecks in der Landschaft und selbst das bräsige Jungpferd findet den wieder und schließt sich an.

Wir traben nach einer Weile ein Stück, mehr nicht, mit den beiden Zwangsneurotikern, man will die ja nicht überfordern. Trab klappt sogar ganz gut. Wenn man jetzt mal davon absieht, dass das Pony wohl zu oft Human Centipede geschaut hat und dem Schimmel fast in den Hintern reinkriecht. Aber was stört den schon? Letztens hat er erst eine Gans umgebügelt, die fauchend auf ihn zu ist. Der merkt ja nicht mal, wenn er den Reitplatz verlässt, weil er so groß ist und die Bande so klein.
Wir biegen also in den Wald ab. Da gibt es Tiere, Bäume und eine ganz große Pfütze auf dem Weg.

Das Jungpferd fürchtet sich vor den Bäumen, das Pony vor den Tieren und der Schimmel büffelt auf die Pfütze zu. Und büffelt und büffelt und bleibt darin stehen, weil meine Mitreiter nicht mehr folgen können. Ich warte also.
„Warte, ich möchte da auch durch“, ruft die mit dem Jungpferd. Soll er ja kennenlernen.
Das Jungpferd ziert sich. Der Schimmel hebt einen Vorderhuf. Hoch.
Ich gucke nach dem Jungpferd, das vor der Pfütze herumhüpft. Von hinten kommt trötend das Pony, das den Anschluss verloren hat.
Der Schimmel senkt den Huf. Ein riesiger Schwall Wasser spritzt unter seinen Bauch und nach hinten. In Zeitlupe hebt er ihn noch mal, macht jetzt plötzlich die Nase nach unten.
Ich schnalle gerade noch so, was der tut, nehme die Zügel an. Flatsch! Nächster Wasserschwall. Wie auch immer er das schafft, ich habe jetzt nasse Füße, trotz Stiefel. Ich bemühe die Gerte, aber jetzt planscht er wechselseitig. Pony und Jungpferd rennen rückwärts.
Schimmel knickt ein und will sich gerade hinlegen, als ich ihm den Arschtritt seines Lebens gebe und er empört vorwärts springt. Hat zur Folge, dass meine Mitreiter (die gerade wieder nähergekommen sind), klatschnass werden.

Hatte ich erwähnt, dass das noch nie passiert ist? Nein? Gut. Ist es nicht. Noch nie hat der Schimmel überhaupt etwas entschieden. Der ist eine Monorail, auf Schienen, die nur er sieht. Aber scheinbar fährt er auf Wasser ab.
Überflüssig zu erwähnen, dass danach alle nur noch mit dem Schimmel rauswollten, wenn amtliche Dürreperiode war?

Foto: Ja, genau DU! Sausack.




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